pas de Saint Martin

Martin in Trier

Mit dem „pas de Saint Martin“ des französischen Künstlers Michel Audiard werden die Orte ausgezeichnet, die in der Lebensbeschreibung des hl. Martin von Sulpicius Severus (link)  genannt werden. In Deutschland sind das nur Worms und Trier. Dass Trier in der Vita Martini relativ oft genannt wird, könnte damit zu tun haben, dass sich die Schwiegermutter des Sulpicius wohl längere Zeit in Trier aufgehalten und ihm davon berichtet hat.

Hier sollen nach und nach alle Begebenheiten aus Bischof Martins Leben veröffentlicht werden, die sich laut Sulpicius Severus in unserer Stadt abgespielt haben.



Detail aus dem Fresko von Albert Burkart in der Martinuskirche in Leutkirch, Foto: Roland Rasemann

1. Martin heilt in Trier ein gelähmtes Mädchen

in: Vita Martini, Kap. 16
Die Gnade der Krankenheilung besaß er in so hohem Grad, dass kaum ein Kranker zu ihm kam, ohne sofort die Gesundheit wiederzuerlangen. Dies erhellt auch aus folgendem Beispiel. Zu Trier lag ein Mädchen an Lähmung schwerkrank darnieder. Schon seit langem versagten die Glieder gänzlich ihren Dienst, am ganzen Leibe war das Mädchen gefühllos, die Lebensflamme flackerte nur noch schwach. Traurig umstanden sie die Verwandten und warteten nur auf ihren Tod. Da kam plötzlich die Kunde, Martinus sei in die Stadt gekommen. Sobald der Vater des Mädchens davon hörte, eilte er ganz außer Atem dorthin, um für seine Tochter zu bitten. Martinus war gerade in eine Kirche eingetreten. Laut schluchzend umfasste dort der Greis vor den Augen des Volkes und in Gegenwart vieler anderer Bischöfe die Knie des Heiligen und sprach: "Meine Tochter siecht an einer schrecklichen Krankheit dahin; ja, was noch grausamer ist als der Tod, nur die Seele zeigt noch Leben, der Leib ist schon erstorben. Bitte, gehe zu ihr, segne sie. Ich habe das feste Vertrauen, sie wird durch dich gesund werden". Durch diese Bitte verwirrt und betroffen, suchte Martinus abzuwehren; das gehe über seine Kraft: der Greis beurteile ihn falsch: er sei nicht würdig, dass Gott durch ihn ein Wunder wirke. Weinend beschwor und bat ihn der Vater noch inständiger, er möge die Halbtote besuchen. Schließlich begab sich Martinus, weil auch die umstehenden Bischöfe ihn drängten, zur Wohnung des Mädchens. Eine große Menschenmenge wartete außen voll Spannung auf das, was der Diener Gottes tun werde. Zunächst warf er sich auf den Boden und betete. Das waren in solchen Fällen seine gewöhnlichen Mittel. Dann schaute er die Kranke an und verlangte Öl. Er segnete es und goss die wunderkräftige, geheiligte Flüssigkeit dem Mädchen in den Schlund. Sofort kehrte der Gebrauch der Sprache wieder. Durch die Salbung erhielt ein Glied nach der anderen wieder neuen Lebenskraft; auch die Füße erstarkten, und das Mädchen konnte wieder aufstehen, das ganze Volk war Zeuge davon.
Text: übersetzt von Pius Bihlmeyer 

Kommentar von Hans-Georg Reuter

Sulpicius Severus zeichnet den hl. Martin als einen „zweiten Christus“, als einen Bischof, der in der Nachfolge Jesu Wunder wirkte wie Jesus Christus. In Trier heilte er ein todkrankes Mädchen; sein Bericht erinnert an Lk 8, 41ff:
„Da kam ein Mann namens Jaïrus, der Synagogenvorsteher war. Er fiel Jesus zu Füßen und bat ihn, in sein Haus zu kommen. Denn sein einziges Kind, ein Mädchen von etwa zwölf Jahren, lag im Sterben.“
Der Vater des todkranken Mädchens hat von dem wunderwirkenden Bischof Martin gehört. Er eilt zur Kirche, wo er Martin zu finden hofft. Das kann nur die Bischofskirche, die südliche der Doppelkirchenanlage sein (an der Stelle steht heute die Liebfrauenkirche). Dort fällt er vor Martin auf die Knie – vor den Augen vieler Zeugen - und bittet ihn, zu seiner sterbenden Tochter zu gehen und sie zu segnen. Martin weigert sich, er hält sich nicht für würdig, dass der Herr durch ihn ein Zeichen seiner Macht gebe. Schließlich begibt er sich doch in das Haus und betet und salbt das Mädchen mit Öl, sodass es von seiner Lähmung gesundet sich den Leuten zeigen kann.
Die Wunder, von denen die Evangelisten berichten, sind Zeichen dafür, dass Jesus im Auftrag und in der Kraft Gottes handelt und spricht. So sollen die Wundertaten des hl. Martin bezeugen, dass er – im unablässigen Gebet mit Gott verbunden – ein Gottesmann ist, ein rechter Bischof. Seine Heilungswunder beeindrucken das Volk wie den Kaiser, der Martins Rat schätzt, seine Bitten ( fast immer) erfüllt.

Detail aus dem Liber Florum des Thiofrid und Martinsvita, cod. 1378/103 4° Stadtbibl. Trier

2. Martin heilt den Knecht des Tetradius

in: Vita Martini , Kap. 17

Zur selben Zeit wurde ein Knecht des Prokonsuls Tetradius (es ist nicht bekannt, wo er Statthalter war (Bihlmeyer) vom Teufel ergriffen und zum Erbarmen gequält. Martinus wurde gebeten, er möge ihm die Hand auflegen. Er gab den Auftrag, den Unglücklichen zu ihm zu führen. Allein der böse Geist war auf keine Weise aus dem Zimmer zu bringen, das der Besessene bewohnte. Gegen alle, die ihm nahen wollten, fletschte er so wütend die Zähne. Da warf sich Tetradius dem Heiligen zu Füßen und drang in ihn, er möge doch ins Haus kommen, wo der Besessene war. Martinus erklärte, er könne das Haus eines Heiden nicht betreten. Tetradius lebte nämlich damals noch im Irrwahne des Heidentums; aber jetzt versprach er, Christ zu werden, wenn sein Knecht vom Teufel befreit würde. Martinus legte nun dem Knecht die Hand auf und trieb den unreinen Geist aus. Als Tetradius das sah, glaubte er an den Herrn Jesus, ließ sich sogleich unter die Katechumenen aufnehmen und wurde bald darnach getauft. Er brachte von da an Martinus, dem er sein Heil verdankte, grenzenlose Verehrung entgegen.
Text:  übersetzt von P. Bihlmeyer 

Kommentar von Hans-Georg Reuter

Der Bericht des Sulpicius Severus von der Heilung des Knechts des Prokonsuls Tetradius erinnert stark an Jesu Heilung des Dieners des Hauptmanns von Kafarnaum, vgl. Lk 7,1-13. Martin treibt böse Geister aus – wie Jesus. Für Sulpicius Severus ist Martin ein zweiter Christus. Jesus unterstreicht die Worte seiner Verkündigung durch machtvolle Taten, z.B. durch Dämonenaustreibungen. So auch der hl. Martin. Durch solche Heilungen wird der Besessene frei von der Bevormundung durch den/das Böse. In den Evangelien wird öfter davon berichtet, dass Jesus böse Geister austreibt. Ein Dämon besitzt die vollständige Kontrolle über die Gedanken und Handlungen eines Menschen, vgl. Lk 4,33ff und 8,27ff. Weil der unreine Geist anderen Schaden zufügt – oder dem Besessenen selbst – wird Heilung durch die Austreibung gesucht. Beim Ausfahren wird die Bindung zwischen dem Teufel und dem Körper des Besessenen gelöst, (vgl. LThK, Besessenheit).

Abtei St. Martin
Foto: M. Weyand

Abtei St. Martin

Die Abtei St. Martin ist ihrer „Gründungslegende“ nach auf dem Hofgut des Tetradius vor den Toren der Stadt Trier entstanden, wo Martin eine Kirche zu Ehren des hl. Kreuzes errichtet haben soll. (Erstmals 1514 belegt und das nur in der Handschrift der Bibliothek der Abtei St. Martin!). Der Bischof von Tours hat in Gallien nachweislich zahlreiche Kirchen gegründet, vornehmlich an den Orten, die den Kelten heilig waren. Aber unmittelbar vor den Mauern der Bischofstadt – das ist eher unwahrscheinlich. Bischof Niketius, ein großer Verehrer des hl. Martin, ließ hier eine Kirche bauen, die von einer Gruppe von Priestern betreut wurde: das könnte der Anfang des Martinskloster sein. Niketius starb um 566 und wurde auf seinen Wunsch hin hier begraben. 

Federzeichnung aus der Martinsvita, dem Liber Florum des Thiofrid von Echternach beigebunden, cod. 1378/103 4° Stadtbibl. Trier, Foto: Anja Runkel 

3. Martin treibt böse Geister aus

in: Vita Martini , Kap. 17

In der gleichen Stadt besuchte Martinus zur selben Zeit das Haus eines Mannes. Er blieb schon an der Türschwelle stehen und sagte, er sehe im Vorraum des Hauses einen abscheulichen Teufel. Als Martinus diesem befahl zu weichen, fuhr er in den Koch jenes Herrn, während er gerade in einem Gemach im Innern des Hauses weilte. Der Arme biss um sich und zerfleischte alle, die in seine Nähe kamen. Das ganze Haus geriet in Bestürzung, das Gesinde ward ganz verstört, das Volk stob auseinander. Da trat Martinus dem Wütenden entgegen und hieß ihn zunächst stille stehen. Dieser knirschte mit den Zähnen, riss den Rachen weit auf und drohte zu beißen. Martinus legte ihm seine Finger in den Mund. "Vermagst du etwas", sprach er, "so verschlinge sie." Da war's, als wäre ihm ein glühend Eisen in den Rachen gesteckt worden - er sperrte die Kiefer weit auseinander und hütete sich, die Finger des Heiligen zu berühren. Durch diese qualvolle Strafe wurde der Teufel gezwungen, den Besessenen zu verlassen. Da er aber durch den Mund den Ausweg nicht nehmen konnte, fuhr er im Unrat des Leibes aus und ließ schmutzige Spuren zurück.
Vita, Kap.17, 5-7, übersetzt von P.Bihlmeyer3. Martin treibt böse Geister aus

Kommentar von Hans-Georg Reuter

Die Federzeichnung in Sepia aus der Martinsvita stammt aus dem 4. Viertel des 12. Jahrhunderts. In der Bildmitte ist die Begebenheit, die Sulpicius berichtet, sehr anschaulich gemalt. Da der Teufel von Martins Hand im Mund des Besessenen daran gehindert ist, auf dem normalen Weg den Körper zu verlassen, muss er zu seiner Beschämung den „Hintereingang“ benutzen – mit allen Folgen. Am rechten Bildrand ist die „normale“ Austreibung eines bösen Geistes, die Heilung eines Besessenen, dargestellt. Auf der linken Seite wendet sich Martin einem Aussätzigen liebevoll zu: diese Heilung spielt in Paris. Sie hat als Folie Jesu „unvorsichtigen“ Umgang mit den Aussätzigen, die aus Angst vor der Ansteckungsgefahr aus ihrem Lebensumfeld verbannt werden, vgl. Lk 5,12f.: „Als der Heilige, von einer großen Schar begleitet, durch ein Tor von Paris einzog, küsste und segnete er zum Entsetzen aller einen Aussätzigen, der einen ganz jämmerlichen Anblick bot. Sofort verließ diesen alle Krankheit. Er kam tags darauf mit glänzend weißer Haut zur Kirche, um für die wiedererlangte Gesundheit zu danken.“ Vita, Kap. 18,3f)
Die Krankenheilungen und Dämonenaustreibungen in der Vita Martini lassen biblische Erzählungen durchschimmern. Sulpicius Severus will damit sagen: Martin ist ein „zweiter Christus“. Bischof Martin lebt in der Nachfolge Christi, ist apostelgleich, s. Vita 2,8

Zeichnung von Andrea Strietzel nach einem Stich von Mathieu Lateron in: Vie et Miracles de monseigneur saint Martin, 1496, Bibliothèque nationale de France

4. Kaiser Valentinian I. verweigert Martin den geschuldeten Respekt

in: Dialoge II, 5

 
"Gut", sagte Gallus. "Von dem, was ich jetzt erzählen will, war ich nicht selbst Augenzeuge. Es hat sich zugetragen, bevor ich mich diesem heiligen Manne anschloss. Allein es ist ein vielbesprochenes Vorkommnis, das durch die Aussage zuverlässiger Brüder, die dabei waren, weit und breit bekannt wurde. Zurzeit etwa, als ihm die Bischofswürde zuteilwurde, musste er aus dringender Veranlassung zu Hof gehen. Damals führte Valentinian der Ältere (364-75) seine zweite Gemahlin war Justina, eine Arianerin, die besonders den hl. Ambrosius bekämpfte. Der Vorgang spielte sich im Anfang der bischöflichen Regierung des hl. Martinus ab, also 372 oder kurz vor dem Tode des Kaisers 375. Bihlmeyer.) die Zügel der Regierung. Als er in Erfahrung gebracht hatte, dass Martinus eine Bitte stellen wolle, die er nicht gewähren mochte, gab er Befehl, ihn nicht über die Schabwelle des Palastes treten zu lassen. Seine arianische Gemahlin hatte sich nämlich seinen rücksichtslosen Stolz zunutzen gemacht und ihn dem heiligen Manne ganz entfremdet, um es zu erreichen, dass er diesem nicht die gebührende Ehre erwiese. Martinus versuchte es ein erstes und zweites Mal, eine Audienz bei dem hochmütigen Kaiser zu erlangen. Dann nahm er zu den bekannten Hilfsmitteln seine Zuflucht: er legte ein Bußgewand an, bestreute sich mit Asche, nahm weder Speise noch Trank und betete unablässig Tag und Nacht. Am siebten Tage erschien ihm ein Engel und hieß ihn furchtlos zum Palaste gehen, die verschlossenen Tore des Kaiserpalastes würden sich von selbst öffnen, der hochfahrende Geist des Kaisers würde sich zur Milde stimmen lassen. Durch solches Zureden des Engels, der ihm erschienen war, ermutigt und auf dessen Hilfe vertrauend, ging er zum Palaste. Die Tore taten sich ihm weit auf, niemand vertrat ihm den Weg. Schließlich gelangte er ungehindert bis zum Kaiser. Als dieser ihn von ferne kommen sah, ward er wütend, dass man ihn vorgelassen habe. Er hielt es unter seiner Würde, sich vor Martinus, der vor ihm stand, zu erheben, bis Flammen unter dem Thronsessel aufloderten und Feuer am sitzenden König hinaufzüngelte. Jetzt schnellte der stolze Mann rasch von seinen Sitzen empor; er erhob sich wider seinen Willen vor Martinus und schloss den vielmals in seine Arme, dem er doch vorher Missachtung bezeugen wollte. Umgewandelt gestand er, er habe eine göttliche Kraft an sich verspürt. Ohne auf des Martinus Bitten zu warten, gewährte er schon zum Voraus alles. Häufig zog er ihn in vertrauliches Gespräch und lud ihn zu Tisch. Als Martinus schließlich abreiste, bot er ihm viele Geschenke an. Der heilige Mann wies sie aber alle zurück, wie er ja immer treu seine Armut zu wahren suchte.
Dialoge II, 5, übersetzt von P.Bihlmeyer

Kommentar von Hans-Georg Reuter

Bald nach seiner Bischofsweihe (371) und vor dem Tod Kaiser Valentinians (375) begibt sich der hl. Martin wohl zum ersten Mal nach Trier an den Kaiserhof. Offensichtlich wollte er dem Kaiser Bitten vortragen. Der Text gibt nicht her, worum oder für wen er bitten wollte. Sein Ruf als wunderwirkender Bischof war wohl noch nicht bis hierher gedrungen. Jedenfalls verweigert der Kaiser ihm die Audienz – beeinflusst von seiner Gemahlin. Als Arianerin (Anhängerin der Lehre des Arius, die auf dem Konzil von Nizäa verworfen war, aber vor allem im Osten des Reiches mehrheitsfähig blieb. Ambrosius von Mailand wie Paulinus von Trier, Hilarius, Bischof von Poitiers und Lehrer des hl. Martin, waren Anhänger des Konzils von Nizäa) fürchtete den Einfluss des Bischofs von Tours auf ihren Mann. Martin war also eine persona non grata geworden. Mit Beten und Fasten verbündet er sich mit Gott und kommt auf wundersame Weise (mir fällt da die Befreiung des Petrus aus dem Gefängnis ein: Apg 12,6-1 ein) in den Palast. Unhöflich bleibt der Kaiser auf seinem Thron sitzen, bis er Feuer unter dem Hintern spürt. Wie umgewandelt verkehrt er jetzt vertraulich mit dem Bischof. Über die Reaktion seiner Gemahlin erfahren wir nichts. Martins Mission ist erfüllt, er kann getrost nach Tours zurückreisen. Er weiß Gott auf seiner Seite! 

Museum am Dom zu Trier: Dame mit Spiegel und kostbarem Schmuck ,  Ausschnitt aus der Konstantinischen Decke (4. Jahrhundert nach Christi)

5. Martin zu Gast bei der Kaiserin


in: Dialoge II, 6-7

6. Da wir nun einmal doch im Palaste sind, will ich hier anfügen, was darin, wenn auch zu anderer Zeit, geschehen ist. Denn ich glaube, das Beispiel nicht übergehen zu dürfen, dass eine gläubige Herrscherin in ihrer bewundernden Verehrung gegen Martinus gab. Kaiser Maximus führte die Regierung. Er hätte in seinem ganzen Leben mit Recht nur Lob verdient (Was hier erzählt wird, hat sich wohl im J. 385 ereignet, s. Dial. III, 11 Anmerkung), wäre es in sein freies Belieben gestellt gewesen, die Krone, die ihm gesetzwidrig bei einem Militäraufstand angeboten wurde, auszuschlagen und den Bürgerkrieg zu vermeiden. Allein eine solche Machtstellung konnte nicht ohne Gefahr abgelehnt, aber auch nicht ohne Waffengewalt behauptet werden. Öfter ließ er Martinus kommen, nahm ihn in seinem Palaste auf und erwies ihm voll Hochschätzung alle Ehre. Sie sprachen dann miteinander nur über Gegenwart und Zukunft, über den Ehrenvorzug der Christen und die ewige Seligkeit der Heiligen. Unterdessen hing die Kaiserin Tag und Nacht an den Lippen des Martinus. Sie stand jenem Vorbild im Evangelium (Luk. 7,36 ff) nicht nach, benetzte die Füße des Heiligen mit Tränen und trocknete sie mit ihren Haaren ab. Martinus, den doch sonst nie ein Weib berührt hatte, konnte sich ihrer unermüdlichen Aufmerksamkeit oder besser gesagt ihrer Dienstbeflissenheit nicht entziehen. Sie vergaß den Reichtum ihres Thrones, die Würde der Herrschaft, Diadem und Purpur. Auf dem Boden liegend ließ sie sich von den Füßen des Martinus nicht wegbringen. Schließlich stellte sie an ihren Gemahl die Bitte, sie sollten beide Martinus dazu bestimmen, dass sie allein, ohne die Dienerschaft, ihm ein Mahl bereiten dürfe. Der heilige Mann konnte sich nicht länger hartnäckig dagegen sträuben. Die Kaiserin richtete mit eigener Hand voll heiliger Gesinnung alles her: sie stellte einen kleinen Sessel zurecht, rückte einen Tisch herbei, reichte Wasser für die Hände und trug die Speisen auf, die sie selbst gekocht hatte. Während er aß, stand sie, wie es sich für Diener ziemt, in einiger Entfernung, unbeweglich wie an den Boden gewachsen, da und legte so in allem die Bescheidenheit einer Dienerin und die Demut einer Magd an den Tag. Sie selbst mischte den Wein, wenn er trinken wollte, und reichte ihn dar. Nach Beendigung der kleinen Mahlzeit sammelte sie die übrig gebliebenen Brotkrumen. Sie zog diese Überreste in ihrer gläubigen Gesinnung der kaiserlichen Tafel vor. Glückseliges Weib! Wenn wir uns an die bloße Erzählung halten wollen, ist sie billigerweise in ihrer frommen Hingebung jener zu vergleichen, die von den Enden der Erde kam, um Salomon zu hören. Indes, man muss den Glauben der Herrscherinnen in Betracht ziehen, dann kann man, wenn man die Erhabenheit des Geheimnisses nicht weiter berücksichtigt, sagen, jene verlangte nur, den Weisen zu hören, diese gab sich nicht zufrieden, ihn bloß zu hören, sondern darf den Weisen auch bedienen".
7. Darauf bemerkte Postumianus: "Gewiss, mein Gallus, auf deine Erzählung hin zolle ich dem Glauben der Herrscherin hohe Bewunderung. Allein wie steht es damit, dass nie ein Weib in die Nähe des Martinus gekommen sein soll? Siehe, diese Königin ist nicht nur in seiner Nähe gewesen, sie hat ihn sogar bedient. Mir kommt die Besorgnis, es möchten diejenigen dieses Beispiel einigermaßen vorschützen, welche Frauengesellschaft so lieben".
Darauf erwiderte Gallus:,,Warum achtest du nicht auf Ort, Zeit und Person, wie uns die Grammatiker lehren? Stelle dir vor Augen, wie er im Palast zurückgehalten und vom Kaiser mit Bitten bestürmt wurde, wie ihm der Glaube der Königin Gewalt antat, wie er bei den traurigen Zeitverhältnissen sich für verpflichtet hielt, Gefangene aus dem Kerker zu befreien, Verbannten die Heimkehr zu ermöglichen, eingezogene Güter zurückzugewinnen. Wie gering hätte der Bischof all das wohl anschlagen müssen, wäre er nicht um solcher Zwecke willen von seinen strengen Grundsätzen etwas abgewichen. Da du aber meinst, es würden manche dieses Beispiel missbrauchen, so wisse, sie werden sogar glücklich sein, wenn sie sich streng an die Lehre dieses Beispieles halten. Sie sollen beachten, dass es bei Martinus nur einmal im Leben der Fall war, da er schon siebzig Jahre zählte. Nicht eine zügellose Witwe, nicht eine leichtsinnige Jungfrau, sondern eine in der Ehe lebende Herrscherin durfte, da auch ihr Gemahl die Bitte unterstützte, ihm bei Tische dienen und aufwarten. Sie setzte sich aber nicht mit ihm zu Tisch und wagte nicht, am Mahle teilzunehmen, sondern erfüllte nur die Pflicht einer Magd. Zieh daraus die Lehre: eine Matrone mag dir dienen, dich aber nicht beherrschen, dienen, aber nicht mit dir tafeln. So hat auch Martha den Heiland bedient und wurde doch nicht zum Mahle zugelassen, vielmehr wurde jene, die lieber zuhörte, der dienenden vorgezogen (Luk.10, 42). Doch bei Martinus hat die Königin beides erfüllt: sie war Dienerin wie Martha und Hörerin wie Maria. Wenn jemand dieses Beispiel zum Vorbild nehmen will, so soll er es in allen Punkten festhalten: es muss sich um eine solche Veranlassung handeln, eine solche Person, eine solche Dienstleistung, ein solches Mahl und das im ganzen Leben nur einmal."
Dialoge II, 6-7 übersetzt von P. Bihlmeyer

Kommentar von Hans-Georg Reuter

Der Einwand von Postumianus wirft ein grelles Schlaglicht auf die Sehweise der Asketen aus Martins Umfeld auf die Frauen: „Allein wie steht es damit, dass nie ein Weib in die Nähe des Martinus gekommen sein soll? Siehe, diese Königin ist nicht nur in seiner Nähe gewesen, sie hat ihn sogar bedient. Mir kommt die Besorgnis, es möchten diejenigen dieses Beispiel einigermaßen vorschützen, welche Frauengesellschaft so lieben". Sulpicius Severus überliefert keine Begebenheit, in der Martin einer Frau begegnet, kein gutes Wort über die Frauen. Für die Asketen geht nichts über die Jungfräulichkeit. Das belegt das Gleichnis von einer dreigeteilten Wiese, das Sulpicius Severus uns in Dialog II, 10 überliefert hat:
Rinder hatten eine Wiese zum Teil abgeweidet, Schweine einen andern Teil der Wiese durchwühlt, der übrige, noch unberührte Teil prangte frühlingsfrisch in reicher Blumenzier wie ein gestickter Teppich. Da sagte er: Das Bild der Ehe haben wir in jenem Teil der Wiese, der, von den Rindern abgeweidet, die Zier des frischen Grüns zwar nicht ganz verloren hat, aber doch keinen Blumenschmuck mehr aufweisen kann. Der Teil, den die Schweine, diese unreinen Tiere, durchwühlt haben, stellt das häßliche Bild der Unzucht dar. Der Teil, der unberührt blieb, veranschaulicht die herrliche Würde der Jungfräulichkeit; er treibt üppiges Grün, bringt überreichen Ertrag; mit prächtigen Blumen über und über besät, leuchtet er wie mit blitzenden Edelsteinen geziert. O selige, Gottes würdige Schönheit! Nichts halt den Vergleich aus mit der Jungfräulichkeit. Deshalb irren jene gewaltig, die die Ehe mit Unzucht auf eine Linie stellen, aber auch jene sind arme Toren, welche die Ehe der Jungfräulichkeit gleichmachen wollen. Wer aber weise sein will, halte diese Unterscheidung fest: die Ehe gehört in das Gebiet des Erlaubten, die Jungfräulichkeit bringt Glorie, die Unzucht wirkt Strafe, wenn sie nicht durch Genugtuung gesühnt wird.

Über den Estrich der ersten Trierer Bischofskirche ist der hl. Martin geschritten
Foto H. Reuter

6. Martin und das Gerücht



„Inzwischen war die Stadt (=Trier) durch ein unerwartetes Gerücht von dem Vormarsch und Einfall der Barbaren in Bestürzung versetzt worden, Martinus ließ nun einen Besessenen vor sich bringen; er befahl ihm, zu bekennen, ob diese Nachricht auf Wahrheit beruhe. Da gestand dieser, zehn Dämonen seien bei ihm gewesen; sie hätten das Gerücht unter dem Volk ausgestreut, damit wenigstens auf solche Schreckenskunde hin Martinus aus der Stadt flüchtete. Die Barbaren dächten an nichts weniger als an einen Einfall. Da der unreine Geist mitten in der Kirche dieses Geständnis ablegte, wurde die Stadt von der beängstigenden Furcht befreit.“
Vita, 18, 1f
Vita, Kap.18, 1f übersetzt von P. Bihlmeyer

Kommentar von Hans-Georg Reuter

Martin ist noch in Trier. Aber es gibt dort Kreise, die ihn gerne verschwinden sähen. Vermutlich dieselben, die den Prozess gegen Priszillian in Martins Abwesenheit schnell zu Ende bringen möchten. Martin ist in der Kirche, der sicher gut besuchten Bischofskirche. Da kommt das Gerücht auf, die Stadt drohe von einem feindlichen Heer erobert zu werden – rette sich wer kann. Nicht nur die Einwohner der Stadt sollen die Stadt so schnell wie möglich verlassen, auch Gäste wie Martin sollen fliehen. Martin sieht einen Besessen in der Menge der Leute. Er stellt ihn zur Rede. Er soll vor allen Leuten bekennen, ob die Nachricht auf Wahrheit beruht. Daraufhin gesteht der Besessene, dass zehn Dämonen bei ihm gewesen seien und das Gerücht ausgestreut hätten, um Martin so aus der Stadt zu vertreiben. Durch Martins Einschreiten wird Trier von Angst und Schrecken befreit.
Wenn es doch jemanden gäbe wie St. Martin, der die Dämonen aus den sog. sozialen Medien vertreiben könnte! Unsere Welt wäre viel friedlicher!

Miniatur aus: Vie et miracle de St. Martin, um 1100, Tours Bibliothèque municipale

7. Martin brüskiert den Kaiser


Nach solch großen Wundertaten will ich minder bedeutende Ereignisse erzählen… Viele Bischöfe waren aus verschiedenen Teilen der Welt zu Kaiser Maximus (383-388) gekommen. Dieser war ein gewalttätiger Mann, der sich auf seinen Sieg im Bürgerkrieg viel einbildete. Da sah man, wie alle jene Bischöfe in schnöder Kriecherei den Fürsten umschmeichelten und in ihrer Charakterlosigkeit sich so viel vergaben, dass sie ihre bischöfliche Würde geringer anschlugen als die Gunst des Kaisers. Martinus war der Einzige, der die apostolische Würde entschieden zu wahren wusste. Musste er nämlich für andere beim Kaiser Fürsprache einlegen, so tat er auch dies eher im Ton eines Befehls als einer Bitte. Er schlug auch die oft wiederholte Einladung zur Tafel ab mit der Begründung, er könne sich nicht mit dem zu Tische setzen, der zwei Kaiser beraubt habe, den einen des Thrones, den anderen des Lebens. Allein Maximus versicherte, nicht aus eigenem Antrieb habe er die Regierung übernommen, sondern durch Gottes Fügung sei ihm von den Soldaten die Krone aufgenötigt worden und er habe sie dann mit dem Schwerte verteidigen müssen. Offenbar sei ihm Gott nicht ungnädig, da ihm ein Sieg mit so unglaublichem Erfolg zuteilgeworden sei. Seine Gegner seien nur in der Schlacht gefallen. Durch solche Gründe und Bitten ließ sich Martinus schließlich doch noch bestimmen, bei der Tafel zu erscheinen. Der Kaiser war über diesen Erfolg hocherfreut. Hohe und angesehene Männer fanden sich als Gäste ein, als wären sie zu einem Feste gerufen. Unter ihnen waren der Präfekt und Konsul Evodius, ein Muster aller Gerechtigkeit und zwei Comites, die die höchsten Ämter bekleideten, nämlich der Bruder und der Oheim des Kaisers. Zwischen diesen beiden nahm der Priester des Martinus Platz. Martinus selbst saß neben dem Kaiser. Die Tafel war ungefähr halb vorüber, da reichte der Diener der Sitte gemäß dem Kaiser die Trinkschale. Dieser befahl, man solle die Schale lieber dem heiligen Bischof reichen; denn er brannte vor Verlangen, sie aus der Hand des Martinus zu empfangen. Indes Martinus trank und gab dann die Schale seinem Priester. Er war nämlich der Ansicht, kein anderer sei würdiger, nach ihm zuerst zu trinken; er könne es mit seinem Gewissen nicht vereinen, wenn er den Kaiser oder jemand aus dessen nächster Umgebung dem Priester vorzöge. Darüber verwunderten sich der Kaiser und alle Gäste so sehr, dass sie an dieser Zurücksetzung sogar Gefallen fanden. Im ganzen Palast bildete es das allgemeine Gespräch, Martinus habe bei der kaiserlichen Tafel gewagt, was kein Bischof bei der Tafel niederer Beamten sich herausgenommen hätte.
Martinus gab dem Maximus auch die Prophezeiung, falls er, wie es sein Plan war, nach Italien ziehe, um Kaiser Valentinian zu bekämpfen, werde er beim ersten Angriff zwar siegen, dann aber bald umkommen. Wir erlebten, dass es so kam. Denn beim ersten Anmarsch des Maximus floh Valentinian; nach Jahresfrist jedoch sammelte er neue Streitkräfte, nahm Maximus in den Mauern von Aquileja gefangen und ließ ihn hinrichten.
Vita, Kap 20 übersetzt von P Bihlmeyer

Kommentar von Hans-Georg Reuter

Dem anschaulichen Bericht ist eigentlich nicht viel Erklärendes hinzuzufügen. Uns überrascht vielleicht, dass der Martin, der seinen Soldatenmantel mit dem Bettler geteilt hat, sich zu einer Fete im Kaiserpalast begibt. Und Platz nimmt neben dem Kaiser. Der Bischof von Tours folgt einer Einladung von Kaiser Maximus zu einem großen Empfang – das muss also noch vor der Auseinandersetzung wegen der Hinrichtung Priszillians geschehen sein. Ganz klar ist dabei Martins grundsätzliche Position: ein Mann der Kirche ist in seinen Augen höher anzusehen als der Herrscher des römischen Imperiums. Das hätte ins Auge gehen können – aber die höfische Gesellschaft quittiert den Affront mit Gelächter. Es geht dem hl. Martin dabei nicht darum, den Kaiser in aller Öffentlichkeit zu brüskieren. Wie später im Fall des Priszillian signalisiert er hier die Unabhängigkeit der Kirche von staatlicher Gewalt. Dafür riskiert er viel. Daran mag man sich erinnern, wenn man in Trier vor der Basilika, dem kaiserlichen Thronsaal, steht. Sie ist längst nicht mehr Teil des Kaiserpalasts, sondern eine Kirche.

Relief von Ernemann Sander am Bonner Münster,
Foto: Leif Hofheinz

Am Bonner Münster befindet sich unter den Metallplastiken zum Leben des heiligen Martin von Ernemann Sander auch diese, die Martins Eintreten für Priszillian vor dem Kaiser so ausdruckstark zeigt. Schade, dass es so etwas nicht in Trier gibt!

8. Martin setzt sich für den Irrlehrer Priszillian ein – der Blutspruch von Trier



50,1 „Nun also, es erschienen alle, die in die Angelegenheit verwickelt waren, vor dem Kaiser. Sie folgten der Vorladung, wie auch die Ankläger, die Bischöfe Hydacius und Ithacius, deren Eifer, mit den Häretikern zu Ende zu kommen, ich nicht tadelte, wenn sie nicht mit mehr Leidenschaft zu siegen gekämpft hätten als notwendig. Aber meine tiefe Überzeugung ist, Angeklagte wie Ankläger sind mir gleich unsympathisch.
Jedenfalls behaupte ich, dass Ithacius ein Mann ohne moralischen oder religiösen Wert ist: dreist, geschwätzig, zynisch, verschwenderisch, extrem den Vergnügen des Bauches und der Kehle zugetan. Er war zu einem solchen Punkt an Dummheit gelangt, dass er gegen alle Anklage erhob, sie seinen Anhänger oder Schüler Priszillians, selbst heilige Männer, die eifrig in der Heiligen Schrift lasen oder die Absicht hatten, im Fasten zu wetteifern. Dieser Elende wagte bei dieser Gelegenheit, den Bischof Martin, einen Mann, den man in allem mit den Aposteln vergleichen kann, öffentlich der Häresie zu beschuldigen.
2. In der Tat, Martin hielt sich damals in Trier auf und er zögerte nicht, Ithacius zu tadeln, damit er seine Klage zurückzöge, und Maximus zu bitten, dass er davon absehe, das Blut der Unglücklichen zu vergießen: es genüge voll und ganz, dass die, die durch den Urteilsspruch der Bischöfe als Häretiker verurteilt sind, aus ihren Kirchen vertrieben würden; es wäre ein barbarisches und unerhörtes Sakrileg, dass man einem weltlichen Richter das Urteil in einer kirchlichen Angelegenheit überließe. Kurzum, solange Martin in Trier weilte, wurde der Urteilsspruch vertagt; und kurz vor seiner Abreise erhielt er, dank seiner außerordentlichen Autorität, von Maximus das Versprechen, dass kein Bluturteil gegen die Angeklagten erfolgen würde. Von den Bischöfen Magnus und Rufus in die Irre geführt und abweichend von den gemäßigteren Beschlüssen, vertraute der Kaiser später den Prozess dem Präfekten Evodius an, einem energischen Mann ohne Mitleid.
3. In einem zweifachen Prozess wurde Priszillian gehört und der Hexerei überführt; er leugnete weder, dass er an unmoralischen Unterweisungen interessiert gewesen sei, noch selbst nächtliche Zusammenkünfte mit schandbaren Frauen organisiert zu haben, noch die Gewohnheit gehabt zu haben, nackt zu beten. Evodius erklärte ihn für schuldig und ließ ihn ins Gefängnis werfen, während er dem Fürsten Bericht erstattete. Die Akten wurden in den Palast gebracht, und der Kaiser kam zu dem Schluss, dass Priszillian und seine Anhänger zum Tod verurteilt werden sollten.
51,1 Was Ithacius angeht, als er sah, wie verhasst er den Bischöfen wäre, wenn er sich noch einmal als Ankläger bei den letzten Anhörungen, die Todesstrafe betreffend, aufstellen ließ – es war nämlich nötig, den Prozess noch einmal aufzunehmen – entzog er sich der Ladung zum Gericht: unnötige Geschicklichkeit, die Schandtat war schon vollbracht. Maximus ersetzte ihn als Ankläger durch einen gewissen Patricius, einen Anwalt des Fiscus.
2. Unter seinem Druck wurde Priszillian also zum Tod verurteilt, und mit ihm Felicissimus und Armenius, die, obwohl sie Kleriker waren, Priszillian gefolgt waren und sich von den Katholiken abgewandt hatten. Latronianus und Euchrotia kamen ebenfalls durch das Schwert ums Leben.
(3. Andere namentlich Genannte wurden verbannt, enteignet oder hingerichtet, Ithacius zunächst für unschuldig erklärt, dann verurteilt und als einziger aus dem Bischofsamt vertrieben.)
4. Übrigens, nach der Hinrichtung Priszillians wurde die Häresie, die durch sein Anstiften plötzlich aufgetreten ist, nicht unterdrückt, sondern verstärkt, sie verbreitete sich weiter. Denn die Anhänger Priszillians, den sie als Heiligen verehrt hatten, schickten sich später an, ihm einen Kult wie einem Märtyrer zu widmen. Die Leichname der Hingerichteten wurden nach Spanien verbracht und ihr Leichenbegängnis mit großem Pomp begangen. Mehr noch, bei Priszillian zu schwören, galt als Gipfel der Frömmigkeit.“
Chroniques II, Kap. 50 f ins Französische übersetzt und kommentiert von Ghislaine de Senneville-Grave, Paris 1999, aus dem Französischen übersetzt von Hans-Georg Reuter 

Zum historischen Hintergrund (Hans-Georg Reuter)


Die römischen Kaiser verstanden sich auch nach der Konstantinischen Wende in ihrer Funktion als pontifex maximus weiterhin zuständig für alle religiöse Fragen. So führte Kaiser Konstantin den Vorsitz beim Konzil von Nikäa. In Glaubensstreitigkeiten der Christen sahen sie eine Gefahr für die Einheit des Reiches. Bischof Priszillian appelliert an Kaiser Maximus, um seine Absetzung zu verhindern. Im Streit um den Irrlehrer Priszillian verwahrt sich Martin gegen das Einmischen der weltlichen Gewalt in innerkirchliche Angelegenheiten und die Hinrichtung von Irrlehrern. Als der Angeklagte gefoltert wird, gesteht er, Schadenszauber ausgeübt zu haben; da muss der Kaiser nach geltendem römischen Recht die Todesstrafe verhängen. Der „Blutspruch von Trier“ ist der erste Fall von unzähligen Hexenprozessen in christlicher Zeit: ein unter Folter erzwungenes Geständnis der Hexerei, Verurteilung durch ein kirchliches Gericht, Hinrichtung durch die staatliche Obrigkeit, die den Besitz der (männlichen oder weiblichen) „Hexen“ einzieht.
P.Pius Bihlmeyer erläutert die Zusammenhänge des Priszillianistenstreits: „Die Irrlehre Priszillians wurde zum erstenmal auf der Synode von Saragossa (380) verurteilt. 382 wandte sich Priszillian zu seiner Rechtfertigung nach Rom an Papst Damasus, aber ohne Erfolg. 884 lud der Usurpator Maximus alle Priszillianisten nach Bordeaux vor. Dort wurde auf einer Synode, der nach Idatius Chron. (Monum. Germ. auct. antiq. XI, 15) auch Martinus anwohnte, ihre Lehre wieder verurteilt. Priszillian verlangte nun, daß seine Sache vor den Kaiser gebracht werde. So wurde sein Prozeß 385 zu Trier weitergeführt. Hier wünschte eine starke Partei unter Führung des Bischofs Ithacius, daß die Todesstrafe über Priszillian verhängt werde. Der hl. Martin mißbilligte das Eingreifen weltlicher Richter in die kirchliche Angelegenheit, wurde aber deshalb selbst wegen Häresie verdächtigt. Auf sein Zureden versprach Maximus, kein Bluturteil vollziehen zu lassen. Nach der Abreise des Martinus ließ sich Maximus aber von der Gegenpartei umstimmen. Der Praefectus praetorio Evodius zog die Priszillianisten vor sein Gericht und die Partei des Ithacius suchte (386) Maximus dahin zu bringen, daß er auch die Anhänger des Priszillian in Spanien verfolge; er verurteilte Priszillian wegen maleficium (Magie) zum Tode. Zu gleicher Zeit mußten sich die Ithacianer auf der Synode von Trier 886 auch wegen ihres Vorgehens gegen Priszillian rechtfertigen“. (P. Bihlmeyer, Dialoge III, S. 137, Anm. 1) 

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